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Teil 2

Unsere Flüchtlingsfahrt in den Westen

 Am 21. Juni 1945 wohnten wir 8 Tage wieder in unserem Haus, alle Fensterscheiben waren zerschlagen einige Stubentüren fehlten alle Möbel waren weg und was noch da war war zerschlagen. Wir suchten uns einiges brauchbares wieder zusammen und ich säuberte das Haus von oben bis unten. Die Öfen waren auch in den unteren Stuben alle zerschlagen, nur in der oberen Stube der war ganz, dort kochte ich unser Essen.                                                    Dann bekamen wir vom Bürgermeister Knispel, der ja glaubte, das Dorf zu regieren, Bescheid daß wir wieder zu einem Treck zusammengestellt werden sollten und am 24. Juni über die Neiße ziehen sollten. Abends um 6 Uhr ging es wieder zum Dorf hinaus, nur Familie Gütebier, Koschmieder und Pollmächer und wir zogen nicht mit, wir fuhren aber abends in die Bunker, die hinter den Gehöften gemacht worden waren und schliefen dort. Am Vormittag war auch ein Pole bei uns und erklärte uns, daß wir zu Hause bleiben sollten, es käme nur ein Treck von polnischen Landarbeitern zurück in ihre Heimat, die wollten nur dort am Dorfrand auf den Wiesen schlafen. Aber wir trauten dem Mann nicht so recht und zogen in die Bunker.                                           In der Nacht um 1 Uhr wurden wir geweckt durch 2 Russen mit Maschinenpistolen. Sie kamen unsere Sachen kontrollieren, nahmen uns ja wieder das beste weg und bekamen den Befehl, um 4 Uhr morgens die Bunker zu räumen. Unser Eberhard weinte jedesmal, wenn sie uns wieder etwas wegnahmen. Früh um 3 Uhr wurde es schon hell, und so zogen wir 3 Familien mit den Kleinkindern und 2 Babys nach Rothwasser, in unser nächstes Nachbardorf.Hier hatte Jette eine Schwägerin wohnen, diese war auch zu Hause, und wir fanden Unterkunft. Hier lebten wir 14 Tage und waren auch sicher vor dem Plündern, da die Schwägerin polnisch sprechen konnte und sie auch arbeitete bei der polnischen Miliz.                                           Anfang Juli fing die Blaubeerzeit an, es gab auch sehr viele, und so konnten wir uns zum Brot die Beeren holen, mußten aber sehr vorsichtig sein wegen der Mienen, die im Wald gelegt waren.                                                                                                                 Da wir nun doch gern wieder nach Hause wollten, ging Eberhard, Jette (die ja auch polnisch konnte) und Lisa Gütebier nach Waldau zurück, um nachzusehen, ob das Dorf und unsere Häuser leer wären. Sie kamen fröhlich wieder, der Kommandant hätte gesagt, wenn wir arbeiten wollten, könnten wir zurückkommen. So fuhren wir mit den paar Habseligkeiten wieder in unsere Häuser zurück. Nun ging es ja darum, unsere Häuser wieder zu säubern. Unser Vater ging in den Bunker, um unsere Türen zu suchen. Auch die Fenster wurden repariert. Die Glasscheiben von den Bildern wurden zusammengesucht und dazu verwendet. Tischlermeister Lemberg machte uns das.                                                                                                    Hier gab es auch wieder eine Begebenheit. Ein Russe wollte Tabak von Vater haben, und da wir keinen geben konnten, schlug er den Vater mit dem Hammer ins Gesicht an die Schläfe, so daß sein Gesicht anschwoll und grün und blau wurde. Dann schlug er mit dem Hammer an die Türklinke, und dabei zerbrach der Stiel des Hammers. Da warf er den Hammer über Lemberg`s Kopf zum Fenster durch die Scheibe in den Garten. Danach stieg er auf sein Fahrrad und fuhr zum Dorf hinaus.                                                                                                                   Es war ein fruchtbarer Sommer sehr warm und viel Gewitter. Getreide, Kartoffeln und Obst gab es viel. Nur das nötigste an Salz, Zucker, Essig und Zwiebeln fehlte uns, es gab auch keine Milch, Butter und sonstige Fettigkeiten. Das Brot mußte von Schrot, den wir uns ganz primitiv  malen mußten, selbst zu Hause im Ofen in großen Bratpfannen, die wir noch vorfanden, gebacken werden. Das Getreide durften wir uns, was die Russen stehengelassen hatten, ernten und ausdreschen. Die Dreschmaschinen waren aber fast alle kaputt. So wurden in den Scheunen Dreschpflegel gesucht und mit der Hand gedroschen, auch Kartoffeln wurden geerntet, da hatten wir den Keller voll davon, das war unsere Hauptnahrung den Winter durch. Blaubeeren gab es viel, Eberhard und ich holten uns einige Male aus dem Wald, mußten aber über 2 Stunden laufen (Klitzdorf). Kamen wir aus dem Wald heim, erwarteten uns die Russen, die uns dann immer einige Körbe abnahmen um sie für sich zu verbrauchen. Die Körbe flogen uns dann in die Beine wenn sie sie uns wiederbrachten. Habe dann noch einige leere Gläser im Schutt gefunden und ohne Zucker dann eingekocht. Sonst aßen wir nur trockenes Brot und selbstgebrauten Gerstenkaffee.                                                                                                                       In der Erntezeit holten uns mal Polen von Günthersdorf zum Puppen aufsetzen. Wir waren fünf Frauen und zwei Mädchen, wurden mit einem Pferdewagen abgeholt, aber abends mußten wir nach Hause laufen. Vor 10 Uhr kamen wir nicht heim. Daß sie die Mädchen gern dort behalten wollten über Nacht, das konnten wir anderen ja nicht verantworten. Es war gut, daß Jette Koschmieder dabei war. Die konnte das Polnische, und so verstand sie, was sie wollten. Vater und Eberhard und auch alle anderen Angehörigen erwarteten uns schon in voller Aufregung.

***Puppen aufsetzen: Das Korn wurde zum trocknen aufgestellt***

So ging es dann in die Kartoffelernte. Vater und Eberhard holten unsere rein und hatten viel eingebracht, so daß wir keine Sorge im Winter 1945/46 hatten. Wir hörten dann, daß es in Bellmansdorf bei Lauban ein großes Feld Mohrrüben gab, wo sich viele Leute welche holten. Auch wir fuhren mit unserem Wagen und holten uns welche.Von einigen Zuckerrüben und Runkelrüben und auch von Mohrrüben kochten wir uns Sirup fürs Brot. Wir hatten auch das erste Mal auf unserem Pflaumenbäumchen am Bach die ersten blauen Pflaumen. Die Russen gingen immer wieder plündern in die Obstgärten. Unsern Pflaumenbaum entdeckten sie erst später. So war ich froh, daß ich mir einen Einkaufskorb, den ich noch vorfand, vollpflückte. Den anderen Morgen sahen wir das der Baum leergemacht war, wer sie abgemacht hat wissen wir nicht.                                                                                                                                   Ich habe sie gekocht aber ohne Zucker und auch einige Gläser davon eingekocht, damit wir im Winter etwas haben wollten, mußten aber die Gläser verstecken in einer Kastenmatratze, sonst holten uns die Russen und Polen alles weg.                                                                           Der Raps stand auch noch auf den Feldern ungemäht, davon mochten die Russen nichts, so sind wir (einige Frauen aus der Nachtbarschaft) auf die Felder gegangen und haben uns die Rispen abgeschnitten, getrocknet, gedroschen, durchgeblasen und gesäubert und sind mit Vater, Eberhard und Fritz nach Gersdorf gefahren um Öl davon auszupressen, dort wohnte ein Ukrainer, der machte es mit einer Presse die er sich selber gebaut hatte für die Leute, dafür behielt er sich eine ¾ l Flasche Öl als Bezahlung.                                                                     Im September kam dann die Pilzzeit. Wir hatten einen wunderbaren herrlichen warmen Herbst und viel Regenschauer, so wuchsen viel Pilze und wir waren froh darüber, da es immer ein schönes Mittagsgericht davon gab.                                                                                        Nur eines war wieder sehr zu bedenken daß wir nicht in alle Wälder gehen konnten, da diese mit Mienen verseucht waren. Nur mit dem Gedanken mußten wir uns abfinden, daß wir von den Polen aus dem Nachbardorf geholt wurden zum arbeiten, da holten sie die Frauen zum Getreidedreschen aus dem Walde dazu. Mir ist es nicht passiert, dazu hat mir unser Herrgott verholfen.Frau Welzel und ich gingen fast immer früh um 4 Uhr zusammen und brachten immer Korb und Tasche voll Pilze nach Hause, waren dann schon um 9 Uhr oder 10 Uhr heim. Bin dann bis Dezember noch in den Wald gegangen, da ging ich allein und habe noch Pilze gefunden.Es gab ja bei uns erst Maronen und Steinpilze und Gelbschwämmchen, später die Grünlinge und dann zuletzt die Silberpilze.                                                                      Weihnachten 1945 verlebten wir auch noch in unserem Haus. Vater und Eberhard hatten ein Bäumchen aus dem Wald geholt, daß wir uns schmückten, unser alter Baumschmuck aus Papier Sternen und Winterhilfs-Figuren hatten wir noch im Dreckhaufen auf dem Boden gefunden und auch noch einiges Lametta, so konnten wir doch einiges draufhängen, aber Lichter gab es nicht. Eberhard ging in die Christnachtfeier. Vater und ich blieben daheim.                                             Am 1.Feiertag hatten wir uns einen Soldat eingeladen der allein zu Hause war und niemand von seinen Verwandten da war Schulz Helmut hieß er. Da gab es Kartoffelklöße und mit Rapsöl gebratene Pilze dazu, was uns sehr gut mundete. Dann gab ich ihm ein selbstgebackenes Brot mit damit er paar Tage davon essen konnte, denn er wollte dann über die Neiße.                     Es gab ja kein Salz, Essig und Zucker, und so mußten wir auf die Nachbarhöfe, wo niemand da war, und uns das Viehsalz vom Boden holen. Selbiges wurde gewaschen und dann konnten wir es verwenden. Auch Kalisalz wurde verwendet. Das wurde gekocht, dann konnte man es verwenden. Aber das brachte uns dann am Körper Ausschlag und schwarze Flecken an den Beinen. So konnten wir es nicht mehr gebrauchen.                                                                 Unser Alfred, der bei den Polen in Kohlfurt noch Lokführer-Dienst machen mußte, fuhr immer bis Horka, von dort brachte er immer Post mit für einige Waldauer, die auch zu Hause waren. Wir konnten dadurch erfahren, wo unsere anderen Söhne sich aufhielten. So waren 3 im Westen (Helmut, Hans , Richard), einer in Afrika (Otto), der dann nach England ging, und einer in polnischer Gefangenschaft (Gotthard).                                                                                    Bis Neujahr hatten wir Ruhe, aber im Januar 1946 ging es dann los. Fast alle Tage polnische Plünderer. Auch die Russen ließen uns keine Ruhe mehr. Sie suchten abends junge Frauen und Mädchen, so fanden wir überhaupt keine Ruhe mehr. Ich war schon ganz krank von den ewigen Aufregungen. So ging es bis in den März hinein. Da kamen aus Jugoslawien Polen, wir mußten in unserem Haus auch eine Familie aufnehmen mit 2 Kindern. Sie brachten auch eine Kuh mit, konnten aber kein Wort deutsch. Es war nur gut, daß im Nachbardorf eine Polin war, die dolmetschen konnte. Wir mußten dann in das obere Zimmer, und sie bekamen unser ganzes Haus, das wieder so sauber war.

 Am 14. Mai  mußten wir dann unseren Heimatort verlassen. In Kohlfurt mußten wir uns sammeln und wurden desinfiziert und noch einmal ausgeplündert. Hier mußten wir in Güterwagen, die aus Breslau und dem Riesengebirge kamen, mit einsteigen. So fuhren wir nach Horka über die Neiße und haben dann dort unsere weißen Armbinden, die wir in unserer Heimat tragen mußten, den Russen, die an der Bahnstrecke an der Neiße wachten, entgegengeworfen, denn von da an waren wir erlöst von all dem Jammer. Wir fuhren nun nach Magdeburg, wo am Viehbahnhof gehalten wurde und wo wir uns am anderen Tag waschen konnten. Hier verlor unser Vater seinen Kamm und Spiegel.                                                  Wir fuhren dann wieder einen Tag und eine Nacht nach Schöningen bei Braunschweig. Dort bekamen wir unser erstes warmes Essen, eine schöne Graupensuppe mit Fleisch. Wir waren hier eine Nacht im Lager, wurden auch wieder desinfiziert, bekamen unser erstes Brot, ¼ Pfd. Butter und ½ Pfd. Wurst.                                                                                                   Nachdem wir eine Nacht gut geschlafen hatten, ging es dann auf Lastwagen zum Lager Immendorf, wo wir dann verteilt wurden durch das Arbeitsamt. Da Vater Eisenbahner war, kamen wir nach Oker im Harz. Dort konnte aber Vater keine Aufnahme bei der Bahn bekommen, und da wir wenig Geld hatten, mußte er sich Arbeit suchen. Er bekam, und auch Eberhard, Arbeit in der Bleihütte Oker .                                                                                 Wir haben auch hier bittere Enttäuschungen erlebt mit unserer Unterbringung. Ich will es nicht weiter schildern, denn Eberhard hat ja alles miterlebt und unsere anderen Söhne haben uns dann geholfen, wo es nur ging.

Nun aber spreche ich all meinen Söhnen und Schwiegertöchtern meinen Dank aus und habe die Hoffnung, daß es auch allen nur gut gehen soll bis ins hohe Alter hinein. Vergeßt den lieben Gott nicht, denn er hat uns in bitterer Not immer wieder geholfen. Richard und Ruth meinen allerherzlichsten Dank für ihre Liebe und Güte, die wir von ihnen erfuhren in unseren letzten Lebensjahren. Der liebe Gott möge auch alle meine Enkel beschützen vor so viel Herzeleid.

In Dankbarkeit Eure Mutter.

 

 

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